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Urlaub in der eigenen Stadt

FensterWir sehen durch ein großes Fenster in die Hotellobby. Auf der Fensterscheibe steht in dicken Buchstaben: Hotel Hamburg – das größte Hotel der Stadt. Drinnen wirkt alles wie ein richtiger Empfangsbereich eines Hotels. Auf der linken Seite befindet sich die Rezeption, daneben ist ein braunes Regal mit vielen Fächern zu sehen ,es hängen einige Schlüssel darin. Auf einem kleinen Tisch stehen bunte Blumen und große Gemälde zieren die Wand. Eine Sitzecke mit samtbezogenen Stühlen lädt zum Niederlassen bei einem leckeren Getränk aus der Bar ein. Gegenüber gibt es eine mit Teppich ausgelegte Bühne für Veranstaltungen.

Doch der Schein dieser Hotellobby trügt. Eine junge Frau bietet uns eine erfrischende Brause an und die vielen Blumen sind auf den zweiten Blick aus Plastik. Im gesamten Raum gibt es keine einzige Tür , die zu einem Zimmer führen könnte! Doch wo kommen dann die Schlüssel her? „Es ist so, dass die Leute herkommen und ihren Schlüssel hier abgeben und einen anderen dafür bekommen“, erklärt die Praktikantin Rebekka Nolte, während sie uns die Flaschen öffnet. Die Idee vom Hotel Hamburg ist es, seinen Haustürschlüssel gegen einen anderen zu tauschen, um so Zugang zu einer fremden Wohnung zu bekommen. Dort kann man dann ein oder zwei Nächte übernachten.

Das Ganze ist eine Kunstaktion von Jan Holtman, der weder malt noch Skulpturen herstellt, sondern es geht ihm um Kunst in und mit der Öffentlichkeit. In Köln hat er dieses Projekt schon einmal durchgeführt. In Hamburg sind seit März verschiedene Bereiche eines gewöhnlichen Hotels in der Stadt eröffnet worden: der Hotelfriseur, das Casino, der Garten und der Wellnessbereich. Die Lobby wurde am dritten Juli für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und wird am zwanzigsten Juli wieder geschlossen.

„Manche Leute verstehen nicht so genau, wie unser Projekt läuft; wir müssen auch viel über Vertrauen reden, weil die Leute Angst haben, ihre Wohnung herzugeben“, erzählt Rebekka. Eine Frau berichtete, dass man in der Wohnung, wo sie zu Besuch war, ein bisschen mehr hätte auswischen können. Eine alte Dame meinte auch: „Ich bin so pingelig, alleine wenn ich daran denke, dass jemand Fremdes auf meine Toilette geht!“. Viele Leute fürchten sich, dass etwas geklaut oder in ihren Sachen gewühlt wird. Aber bisher ist das Rebekka noch nicht zu Ohren gekommen. Auch sie selbst hat nur positive Erfahrungen mit dem Zimmertausch gemacht. Die Gäste haben alles ordentlich hinterlassen und nichts mitgenommen. Aber nicht nur Schlüssel zu kleinen WG-Zimmern, sondern auch solche zu großen Wohnungen und schönen Häusern werden in den Schlüsselkasten gebracht. Viel Platz lädt natürlich dazu ein, in dem fremden Zuhause Freunde und Bekannte willkommen zu heißen. Bis zu einer bestimmten Anzahl ist das sicher okay, aber mit einer Party geht man dann doch zu weit. „Ich glaube, dass dieses Projekt nur funktioniert, wenn die Leute das Vertrauen der anderen nicht ausnutzen“, sagt Rezeptionist Oliver Bulas, der ein weißes Hemd, eine dunkelrote Hose und eine schwarze Cappi mit goldener Verzierung trägt und damit aussieht wie ein richtiger Mitarbeiter eines Vier-Sterne-Hotels. Denn bei der Schlüsselübergabe erhält man nur die Adresse, aber nicht den Namen des Wohnungsbesitzers.

Worin liegt also der Reiz, bei dem Projekt teilzunehmen, wenn man die Person, die in der eigenen Wohnung lebt, gar nicht kennt? Für Oliver ist es die Neugierde, zu sehen, wie andere Leute wohnen und andersherum findet er es auch toll, dass sich ein Fremder angucken kann, wie er lebt. „Vielleicht ist es auch ein bisschen wie ein Spiel“, ergänzt er. Denn Sinn ist es, dadurch andere Stadtteile kennenzulernen. Warum nicht einfach mal den Koffer packen und durch Hamburg reisen? Und trotzdem ist Jan, der Erfinder des Projekts, froh, dass noch niemand mit gepackten Koffern in der Lobby aufgetaucht ist und nach den Hotelbetten gesucht hat.

Eine Reportage von Mia, Zoé und Kimani

 

About

Ich bin Vera Marie und leite die Redaktionsarbeit der Stadtteilwelt. Als Medienpädagogin führe ich eine Reihe von medienpraktischen Projekten mit Jugendlichen durch. In meiner Freizeit spiele ich Computerspiele, lese Blogs, gehe ins Kino und zu Konzerten oder treffe Freunde auf einen Kaffee.

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